Bei der liberalen jüdischen Gemeinde Göttingen

 

Auf Einladung der AG 60plus im SPD-Unterbezirk Göttingen trafen sich fast 40 Genossinnen und Genossen sowie interessierte Gäste trotz strömenden Regens in der Angerstraße in Göttingen zum Besuch der liberalen jüdischen Gemeinde. Jacqueline Jürgenliemk, die Vorsitzende der Gemeinde, begrüßte uns herzlich und führte uns in die Synagoge.

 

Dort schilderte Sie uns – auch anhand von Fotos – die Geschichte der Gemeinde in Göttingen und des Gebäudes der Synagoge, die aus Bodenfelde stammt, dort komplett zerlegt, nach Göttingen transportiert und Stück für Stück wieder aufgebaut wurde. Das war ein finanzieller Kraftakt, der ohne Sponsorengelder nicht möglich gewesen wäre. Sie erklärte uns sehr anschaulich die Gemeindestruktur und das „jüdische Gemeindeleben“ sowie die Gottesdienste mit den Abläufen und Ritualen. Wir erfuhren, dass das Studium zum Rabbiner/zur Rabbinerin sehr lange dauert (7-8 Jahre) und es neben den „liberalen“  auch „konservative“ und „orthodoxe“ jüdische Gemeinden  gibt; in Göttingen aber nur die liberale und die konservative Gemeinde, die ein friedliches Nebeneinander pflegen und etwa den jüdischen Friedhof gemeinsamen nutzen.

In den orthodoxen Gemeinden gibt es keine weiblichen Amtsträger. Frauen und Männer nehmen räumlich getrennt an den Gottesdiensten teil. Wir mussten auch erfahren, dass alle jüdischen Gemeinden in Deutschland besonders gesichert und bewacht werden müssen, da immer noch (oder schon wieder??) verstärkt mit Übergriffen gerechnet werden muss. Sogar auf den Pausenhöfen von Schulen ist das Wort „Jude“ zwischenzeitig zum Schimpfwort geworden, obwohl die Lehrenden alles versuchen, dagegen anzugehen. Wegen der derzeitigen Gefährdungslage wird allen Gemeindemitgliedern empfohlen, sich in der Öffentlichkeit besonders vorsichtig zu verhalten.

2019 05 SynagogeFoto: SPD Manfred Wesemann

Traurig, dass wir in Deutschland wieder so weit sind. Andererseits  sprach Frau Jürgenliemk aber auch sehr hoffnungsvoll und dankbar über die Zusammenarbeit am „Tisch der Abrahamsreligionen“ (Christen/Juden/Moslem) und die Unterstützung durch die Stadt und die verschiedenen Kirchengemeinden. Auch das Thema „Stolpersteine“ wurde lebhaft diskutiert.

Zum Abschluss dieser sehr informativen, emotionalen und lebhaften Veranstaltung öffnete Frau Jürgenliemk für uns den „Thora-Schrein“ und zeigte die Thorarolle und den Thoraschmuck. Unser Vorsitzender, Manfred Wesemann, bedankte sich abschließend bei Jacqueline Jürgenliemk ganz herzlich für den informativen Nachmittag, der weiter zum Verständnis der Religionen untereinander beigetragen hat und rief zur Teilnahme an der anstehenden Europawahl auf, damit die rechten Gruppierungen im Europaparlament keinen größeren Einfluss bekommen.


Zur Pogromnacht. Aus dem Göttinger Tageblatt vom 11. November 1938

... Zu stark traf uns der Schlag des internationalen Judentums, als daß wir darauf mit Worten allein hätten reagieren können. Eine seit Jahrzehnten aufgespeicherte Wut gegen das Judentum brach sich Bahn, für die sich die Juden bei ihrem Rassegenossen Grünspan, bei dessen geistigen oder tatsächlichen Lenkern ... bedanken können. ... Dabei ist mit den Juden selbst glimpflich verfahren worden. Es ist lediglich demonstrativ vor Augen geführt worden, welchen Grad der Zorn des deutschen Volkes erreicht hat, ohne daß dabei Juden an Leib und Seele Schaden erlitten haben. ... Wir brauchen auch in Göttingen nicht zu verschweigen, was sich in der Nacht zum 10.November zugetragen hat. Wer dafür kein Verständnis aufbringt, ist unfähig, die Stimme des Volkes zu verstehen. Wir haben gesehen, daß der gelbe Tempel des rachsüchtigen Judengottes in der Oberen Maschstraße in Flammen aufgegangen ist und daß die Fensterscheiben einiger noch in jüdischen Händen befindlicher Geschäfte gestern morgen nicht mehr vorhanden waren. ...

 

 


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