Kriegskinder bis in die dritte und vierte Generation

 

In den Räumlichkeiten des alten Pfarrhauses Bovenden-Eddigehausen trafen sich die Mitglieder und Freunde der SPD-Arbeitsgemeinschaft 60 plus im Unterbezirk Göttingen, um über ein wichtiges, lange Zeit verdrängtes Thema zu diskutieren: Kriegskinder. Referent war Pastor i.R. Wolfgang Winter. Der Pastoralpsychologe sammelte in den letzten Jahren umfangreiche Erfahrungen über die Schrecken von Bombenkrieg, von Flucht und Vertreibung, das Zerbrechen von Familien.

 

Seine Thesen breitete Wolfgang Winter vor dem Publikum in klaren Aussagen aus:

  • Erst seit 20 Jahren gibt es einen öffentlichen Diskurs zum Thema „Kriegskinder“; bis dahin wurde dazu weitgehend geschwiegen. Mitte der 90er Jahre entstand eine „neue Wahrnehmungsbereitschaft“ für diese Problematik.
  • Vorrangig ging es nach dem Krieg zunächst um das Überleben, um den Wiederaufbau und andere wichtige Aufgaben.
  • Zu den „Kriegskindern“ werden alle zwischen 1930 und 1945 Geborenen gerechnet.
  • Aber nicht alle in dieser Zeit Geborenen waren den schweren unmittelbaren Folgen des Krieges ausgesetzt und erlitten daraus Traumatisierungen:
    - 1/3 der Kinder wurde durch den Krieg wenig beeinträchtigt (z.B. im ländlichen Bereich)
    - 1/3 der Kinder waren durch mittel- oder kurzfristige Abwesenheit des Vaters sowie durch Einschränkungen der Lebensbedingungen (z. B. Hunger, materielle Not) betroffen
    - 1/3 erlitten so massive Einschnitte in ihr Leben, so große Leiden, dass daraus Traumatisierungen von Dauer entstanden. Das geschah im Wesentlichen durch:
    1. Verluste von zentralen Beziehungspersonen (z.B. der Vater)
    2. Verlust von Heimat, Sicherheit und Geborgenheit (z.B. Flucht, Obdachlosigkeit)
    3. Unmittelbare Gewalterfahrung (z.B. durch Bomben, Tiefflieger, Vergewaltigungen, Gewalt und Mord an Zivilpersonen)
  • Aber Traumatisierungen wurden nicht generell für alle zu dauerhaften Belastungen. Positive Gegenwirkungen konnten durch gute zwischenmenschliche Beziehungen der Kinder zur Mutter oder/und zu den Geschwistern gemildert oder beseitigt werden („protektive Faktoren“).
  • Die schwierige Situation für die traumatisierten Kinder bestand nach dem Krieg vor allem in folgenden Bereichen:
    - Die Kinder waren weitgehend allein mit ihren Problemen (man sprach nicht darüber).
    - Die belastenden Themen wurden von den Kindern „verdrängt“ oder sogar „glorifiziert“ (z.B. als „Abenteuer“ dargestellt).
  • Die ausgeprägte „Leistungsorientierung“ in der Gesellschaft nach dem Krieg ließ die Problemdarstellung der Kinder nicht zu (Wiederaufbau, Verbesserung der materiellen Lebensverhältnisse waren wichtig).
    - Ablehnung von Flüchtlingen fand vielfach statt. Flüchtlingskinder suchten aber Anerkennung und bemühten sich insbesondere durch Leistung darum. Viele von ihnen waren daher besonders erfolgreich in ihrem späteren Leben.
  • Aber „alter Beton wird rissig“: Das heißt, im Alter kommen die Erinnerungen an die erlittenen Kriegsgeschehnisse wieder zurück und beschäftigen die Menschen nach wie vor. Die Traumatisierungen sind also heute bei den Älteren z.T. wieder präsent, weil sie nicht „aufgearbeitet“ wurden.

Diese Erkenntnis wurde dann im zweiten Teil der Veranstaltung sehr eingehend untermauert, als Zeitzeugen nur mit großer innerer Überwindung und unterbrochen von starken emotionalen Belastungen über ihre Erlebnisse als Kriegskinder berichten konnten. Einige können bis heute darüber nicht sprechen, weil die schrecklichen Ereignisse aus der Zeit des Krieges sie niemals loslassen. Sehr viel Nachdenklichkeit hat diese Veranstaltung bei alle Teilnehmern ausgelöst. Diese Folgen des Krieges sind in unserer Gesellschaft neben den vielen anderen wohl bisher noch zu wenig erörtert worden.

2017 11 Winterhesse60plusFoto: Werner Buss

Als Dank des Publikums überreicht Friedhelm Hesse dem Referenten Wolfgang Winter noch einen Guten Schluck.

 


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